Südafrika

Langa – Ein Township zum Anfassen?

Schon die Anreise verstört. Ein großes Tor steht am einzigen Zugang zum Stacheldraht umsäumten Viertel und begrüßt seine Gäste und Einwohner. Immerhin steht es weit und fast einladend offen. Es ist der Eintritt in eine kaputte und farblose Welt. Das Wetter unterstreicht den Eindruck, feucht und grau. Das Auto ruckelt über die Krater auf der Straße. Mich überkommt ein Schaudern und ganz leise steigt Angst in mir auf. 

Bei genauerer Betrachtung ändert sich aber eigentlich nichts. Es sind die gleichen sattgrünen Bäume und Sträucher, das gleiche graue Wetter und sogar der kaputte Straßenbelag ist mit dem auf der anderen Seite des Zaunes identisch. Vielleicht ist die Tristesse, die das Ganze ausstrahlt, auch eher emotional als real. Ein Trugbild der Gefühle, die das Auge täuschen.

Ich habe mich den Fakten dieses Township vorher auseinandergesetzt. Wie ist es dazu gekommen ist, dass hier Menschen unter anderen Bedingungen leben müssen. Was sind das für Bedingungen und wer hat sich das ausgedacht. Und warum? Die geschichtlichen Hintergründe sind mir bekannt. Ich bin sachlich gut vorbereitet. Mein Mann wird nach unserem Besuch sagen, dass er ganz ohne Vorwissen dorthin gekommen sei. Keine Vorarbeit, keine Vorahnung, kein Vorurteil. Und trotzdem waren wir beide gleichermaßen überrumpelt von dem, was wir erleben werden.

In den Regenpfützen vor dem Gemeindezentrum spielen fröhliche Kinder. Sie durchnässen bis auf die Unterwäsche, aber das fällt nur uns Fremden auf. Diese Gedanken haben Bewohner nicht, es ist sowieso immer alles nass. In einer Welt, wo Dächer im besten Fall aus Wellblech bestehen und Ratten überall zuhause sind, ist Nässe kein vorrangiges Problem, über das man sich Sorgen machen kann.

Später werde ich mich an diese Kinder erinnern, denn sie waren vergleichsweise gut gekleidet. In den folgenden Stunden werden uns mehr Menschen, vornehmlich Frauen, in Bademänteln begegnen, als in der Sauna einer Großstadt. Es sei einfach praktisch, denn Bekleidung muss gewaschen werden. Dazu braucht es Wasser und im unwahrscheinlichen Fall einer Waschmaschine, auch Strom. Doch Strom zu haben – zu bekommen, ist nicht einfach. In den Baracken, wo bis zu 16 Familien Unterkunft in kleinen Räumen finden, gibt es einen Stromzähler im zentralen Gemeinschaftsraum. Doch eigentlich zählt dieser nicht, er verkauft Strom. Ein Bezug ist nur über einen Pre-Paid Code möglich, der am Zähler eingegeben werden muss.

Am Abend, wenn die Langeweile am schlimmsten wird, sitzen Männer beim heimischen Bier zusammen. Nicht selten fordert das wörtliche Spiel mit dem Feuer dann Opfer. Auch, oder im besten Fall, den Stromzähler. 

Ein Bademantel ist also nicht das schlechteste Kleidungsstück. Bei der Schuhwahl scheine ich mich der Umgebung auf skurrile Weise anzupassen. Ich trage, wie so oft auf Reisen, weiße Chucks. Und heute ärgert mich diese Entscheidung besonders, denn ich habe nasse Füße. Doch die meisten Männer, die mir begegnen, tragen tatsächlich das gleiche Modell und, es erstaunt mich mächtig, sie sind sauberer als meine.

Unser Localguide, ein Bewohner Langas, führt uns durch den Schlamm. Wir sehen den örtlichen Supermarkt bei den öffentlichen Waschräumen und gehen an geschichtsträchtigen Gebäuden vorbei. Dabei erzählt er uns von Ungerechtigkeiten, Protesten und viel Leid. Von Unterdrückung und Tod. Doch er erzählt ganz ohne eine erkennbare Spur von Verzweiflung oder Hass. Als habe er Frieden mit der Geschichte und dem Erlebten. Doch nicht jeder strahlt so viel Zuversicht aus. Zumeist den älteren Männern zeichnet die Geschichte eine dunkle Aura ins Gesicht. Mir macht das Angst und ich schäme mich dafür, weiß zu sein. 

Ein junger Mann rennt auf mich zu und fragt, warum wir da sind. Mir bleibt die Sprache weg. Wir sind nicht die Ersten, die Langa besuchen und wir werden auch nicht die Letzten sein. Und dennoch fragt er ausgerechnet mich, was ich hier will. Ich möchte sagen, ich trage die gleichen Schuhe wie ihr, ich bin eine von euch. Ausdrucksstark und solidarisch, wie einst John F  Kennedy ein Berliner war. Aber ich schweige nur und gucke zu Boden. Ist wohl auch besser. Aber er wiederholt seine Frage mit Nachdruck und seine Entschlossenheit zwingt mich zum Stehen bleiben.  Und dann sage ich, dass ich einfach nur mal sehen wollte, wie man hier lebt. Und dass ich helfen möchte. In dem Moment fährt ein klimatisierter Kleinbus vor und eine Horde junger, sommerlich gekleideter Menschen steigt aus. Zielstrebig gehen sie zum profan aufgebauten Souvenir Ständchen von afrikanischer Kunst und Klimbim. Ihnen werden Regenschirme gehalten, während uns der Regen von den Wangen tropft. Und genauso schnell, wie sie da waren, verschwanden sie auch wieder. Und wahrscheinlich haben die Wenigsten auf der Straße tatsächlich Notiz von ihnen genommen. Ich drehe mich wieder meinem jungen Herausforderer zu und frage ihn, wie alt er ist. Er antwortet „24“, will aber auch gleich meines wissen. Ich sage „44“. „Du bist zu alt“, sagt er und lässt mich absurd verdutzt zurück. 

Im Schutz der eng aneinander gebauten Hütten ist der Regen nicht mehr so schlimm. Unser Guide schiebt mich in eine Art Zelteingang und ich stehe inmitten älterer, teils zahnloser Herren, die mich anstarren. Ich starre erstmal zurück. Auf Englisch versuche ich rauszufinden, wie man Hallo sagt. Doch dann kommt glücklicherweise der Guide mit meinem Mann hinterher. Entlang der Zelt Wand sind Baustämme als Sitzbänke aufgestellt worden. Fast hätte ich im Dunkeln übersehen, dass in einer Ecke eine kleine Feuerstelle mit einem großen Topf steht. Eine ältere Frau bringt einen Zinkeimer und nimmt einen Schluck, bevor sie ihn vor mir abstellt. In einer Welt, in der die Männer vornehmlich arbeiten gehen sollten, brauen die Frauen. Aber allgemeines Vertrauen genießen sie nicht, denn ihr erster Schluck war keine vornehme Geste, sondern ein Beweis. Ihr Gebräu ist genießbar ungiftig. 

Der Guide erklärt, dass wir den Namen des Bieres aussprechen lernen müssen, bevor wir trinken dürfen. Mir ist nicht klar, ob ich das überhaupt probieren will, aber ablehnen möchte ich auch nicht. Die Brühe im Eimer schimmert gelb und riecht deutlich übersäuert. Daher stelle ich mich einfach doof und kann den Namen nicht richtig rausbringen. Leider habe ich nicht mit so viel Gastfreundschaft gerechnet. Mit einem Kopfnicken wird mir zu verstehen gegeben, dass ich trinken soll. Und mir dämmert, was für ein Privileg es ist, den Zinkeimer als Zweites an den Mund führen zu dürfen. Ich darf vor allen anderen Anwesenden trinken, bevor der Eimer weiter und weiter durch den gesamten Raum wandert.

Und es gibt sie – eine Villengegend. Häuser, aus Steinen erbaut und mit einem gedeckten Dach. Gepflegte Vorgärten säumen die Einfahrt für das Auto. Unser Guide erzählt, dass die ursprünglich für die „Wärter“ gebauten Häuser heute von den Besserverdienern bewohnt werden. Der Arzt hat hier sein Haus neben dem, der Lehrerin. Es sind auch nur noch die Reste von dem schützenden Maschendraht und Elektrozäune zu sehen. Die jetzigen Bewohner sind gerne hier und gesehen. Schutz ist nicht mehr nötig – in keine Richtung. Später möchte unser Guide hier wohnen können. Er möchte niemals weg ziehen aus Langa, sondern eine Villa bewohnen. Dafür arbeitet er jeden Tag. Heimatliebe für eine Welt, die schwieriger nicht sein könnte. Zumindest von außen betrachtet.

Den nächsten Schauer sitzen wir in der Baracke unseres Guides aus. Hier hat er Zeit, in Ruhe vom Leben der Menschen auf diesen engen Räumen zu erzählen. Sie teilen als Familie mehr als nur ein Bett. In dem kleinen Zimmer findet jedes Leben statt und jedes Utensil dafür muss dort einen Platz finden. Kinder über 8 Jahren schlafen auf dem nackten Fußboden vor dem Bett, dass sich die Eltern, manchmal auch Großeltern und Kleinkinder teilen. Eine gesunde Sexualität ist für niemanden möglich und so wundert es nicht, dass die Übergänge der Verwandtschaftsverhältnisse sehr fliesend bis nicht existent sind. Während er die Dinge schildert, als sei er selbst davon nicht berührt, nimmt er wie beiläufig einem vorbeikommenden Teenager eine Plastikflasche mit Limonade aus der Hand. Nach einem großen Schluck gibt er sie dankend nickend zurück. Wir erfahren, dass dies eine seiner kleineren Schwester ist. Ich sitze sehr dicht bei ihm in diesem engen Raum und es ist unschwer zu riechen, dass die Limonade nicht in die falschen Hände kommen sollte. Seine Alkoholfahne ist geflaggt.

Ich begreife, dass die Menschen so leben, weil sie so leben wollen. Sich dagegen zu wehren, scheint aussichtslos. Selbstmitleid zu ertragen, kann Menschen mürbe machen, manchmal gleichgültig, oder eben auch zufrieden mit dem, was man hat. Sie sind gewohnt, viel Alkohol zu trinken und sich stumpf gegen die Umgebung zu machen. Alle Ungerechtigkeit hört nicht da auf, wo Südafrika ihnen die Freiheit zurückgegeben hat. Dort fängt es erst an. Wenn sie erst anfangen würden, ihr Leben kritisch zu sehen, wäre die Verzweiflung doch nichts ändern zu können, sehr nah. Und was sollen sie denn ändern? Arbeit zu finden, bleibt schwierig bis aussichtslos, auch wenn die Zeiten vorbei sind, in denen man nur mit einer Berechtigung das Township verlassen darf. Gehörte ein Mann zu den Privilegierten mit Job und Ausgangsgenehmigung, konnte dies Glück sehr zerbrechlich sein. Ein Arbeitsvertrag eines Schwarzen war gesetzlich auf maximal eine Woche befristet. Wie lebt es sich, immer in Abhängigkeit von der Willkür eines Weißen. Überall und immer! Wir können von außen das Leid nicht lindern. Wir können aber kommen und Gesellschaft leisten in einer fremden Welt. Die Geschichte flößt mir Respekt vor den Menschen ein und es muss davon erzählt werden, um Vorurteilen die Existenz zu nehmen.

 Wenn man die wahren Wünsche kennt, verschwindet auch das Mitleid. Geboren wird der Wunsch, den Menschen zu helfen, ein normales Leben kennen lernen zu wollen. Bekleidung, die über den Besitz eines Bademantels hinausgeht, Spielsachen für die Kinder und genügend Essen, das kann und habe ich mitgebracht. Aber das Empfinden des eigenen Wertes, müssen die Menschen sich selbst neu erarbeiten. Die Welt auf der anderen Seite des Stacheldrahtes ist bunt und friedlich. Es ist an der Zeit, dass die Bewohner von Langa ihren Zaun abreißen und erkennen, wie lebenswert ihr eigenes Leben ist.

Wenn ich erzähle, wie es mir in Langa ging, dann zucke ich bei jeder Beschreibung innerlich zusammen. Nenne ich sie schwarz? Oder Farbige? Am Ende des Tages spielte meine Hautfarbe eine viel größere Rolle. Ich bin weiß. Weiß wie ihre Chucks. Eben nicht so dreckig wie meine.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: